Carsten Mumm: Kapitalmarktperspektiven 2020 – (Geld-) Politische Börsen

Ausgabe 1/2020Lesedauer: 4 Minuten

Weit über 20 Prozent Wertentwicklung für US-amerikanische, europäische und deutsche Standardaktienindizes – das hätte Anfang 2019 kaum jemand für möglich gehalten. Selbst mit deutschen Staatsanleihen ließen sich in den vergangenen Monaten noch einmal positive Renditen erzielen. Auch Unternehmensanleihen, Immobilien, Gold und viele Rohstoffe liegen seit Jahresanfang teilweise deutlich im Plus. Und wer hat‘s gemacht?

Vor allem der Schwenk der US-Notenbank Fed zu einer wieder expansiven Geldpolitik im ersten Quartal sowie die erneuten Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank EZB haben Anleger dazu veranlasst, auf „risk-on“ umzuschalten. Im Sommer 2019 belief sich das weltweite Volumen aller Anleihen mit negativer Rendite auf über 17 Billionen US-Dollar – kein Wunder, dass viele Investoren Aktien bevorzugten, obwohl die Wachstumsdynamik vor allem in der Eurozone erheblich nachgab. Deutschland hat nur noch ein Wirtschaftswachstum nahe der Nulllinie zu verzeichnen. Viele Unternehmen hatten erhebliche Gewinneinbußen zu verkraften.

Offensichtlich haben (geld-) politische Börsen derzeit also „sehr lange Beine“. Das dürfte sich in den kommenden Monaten kaum ändern. Auch wenn in der Eurozone mit einer leichten Wachstumserholung zu rechnen ist, dürfte das weltweite Bruttoinlandsprodukt etwas weniger zulegen als 2019. Diese Erwartung basiert auf der Annahme, dass die wesentlichen geopolitischen Belastungsfaktoren, die Handelskonflikte und der Brexit, nicht weiter eskalieren, sondern zumindest Teileinigungen im Konflikt zwischen den USA und China sowie die Unterzeichnung eines Austrittsvertrags zwischen der EU und Großbritannien im ersten Quartal 2020 erfolgen. Nach wie vor handelt es sich aber um komplexe politische Entscheidungsprozesse, die zumindest zwischenzeitlich immer wieder für steigende Unsicherheiten sorgen können. Hinzu kommt die weiter ungewisse Gemengelage im Nahen Osten und in Hongkong.

Eines der herausragenden politischen Ereignisse im nächsten Jahr ist aber die anstehende Präsidentschaftswahl in den USA. Amtsinhaber Donald Trump dürfte sein politisches Handeln zur Unterstützung seiner Wiederwahl immer wieder an den jeweils aktuellen Umfrageergebnissen ausrichten. Entsprechend unberechenbar ist auch der weitere Fortgang des Handelskonfliktes. Einerseits sind dessen Auswirkungen mittlerweile auch für die US-Volkswirtschaft über steigende Preise und einbrechende Nachfrage bei bestimmten Gütern spürbar. Trump braucht daher auch Erfolge im Sinne abgeschlossener Handelsverträge. Andererseits werden offene Handelskonflikte eines der Kern-Wahlkampfargumente des US-Präsidenten sein, frei nach dem Motto: „Nur ich bin stark genug, um mit den Chinesen und Europäern hart über neue Handelsmodalitäten zu verhandeln“.

Sollten die US-Aktienmärkte zwischenzeitlich deutlich schwächer tendieren oder die konjunkturellen Perspektiven schlechter werden, ist mit weiteren fiskalischen Impulsen durch die US-Administration zu rechnen. Beispielsweise könnte eine neue Steuerreform – diesmal zur Entlastung mittlerer und kleinerer Einkommen – auf die Agenda kommen, um im Wahljahr und im zwölften Jahr der US-Aktienmarkthausse keine negative Stimmung unter potenziellen Wählern aufkommen zu lassen.

In der Eurozone richtet sich die Aufmerksamkeit zusätzlich auf die Europäische Zentralbank EZB und die Frage, ob mit der neuen Präsidentin Christine Lagarde eine neue Rolle für die Geldpolitik definiert wird. Die EZB selbst verwies in ihrem jüngsten Finanzmarktstabilitätsbericht auf die negativen Nebenwirkungen ihrer eigenen Geldpolitik: die Gefahr von Blasenbildungen in vielen Anlageklassen, steigende Staatsverschuldungen, die Destabilisierung des Bankensektors und die Inkaufnahme immer größerer Risiken durch viele Anleger. Vor allem deshalb nahm zuletzt die öffentliche Kritik an der Vorgehensweise der EZB deutlich zu.

Zur Stärkung der Glaubwürdigkeit und der Unabhängigkeit der Notenbank wie auch zur Untermauerung der Stabilität des Euro ist ein „weiter so“ für Lagarde somit keine Option. Eine restriktivere Ausrichtung der Geldpolitik ist allerdings ebenso wenig zu erwarten. Dagegen spricht die nach wie vor deutlich unter dem Inflationsziel der EZB von zwei Prozent liegende Teuerungsrate in der Eurozone. Zudem würden eine wahrscheinliche deutliche Korrektur nahezu aller Anlageklassen und ein verstärkter Ausfall von Unternehmenskrediten im Falle von Leitzinsanhebungen die ohnehin schwächelnde Konjunktur zusätzlich belasten.

Mögliche Denkrichtungen für die EZB sind jedoch eine Adjustierung des Inflationsziels oder verschiedene Varianten des „Helikoptergeldes“. Mit Sicherheit wird die EZB-Präsidentin aber eine engere Koordination zwischen Geld- und Fiskalpolitik forcieren und eine gewichtigere Rolle in der öffentlichen Diskussion einnehmen, um das Verständnis für die Standpunkte der Notenbank zu erhöhen. Weiter steigende staatliche Investitionen in der Eurozone sind auch vor diesem Hintergrund zu erwarten.

Somit ist 2020 mit der Fortsetzung des strukturellen Niedrigzinsniveaus sowohl im kurzfristigen Geldmarktbereich als auch bei längeren Laufzeiten zu rechnen. Dadurch werden auch die Preise für Aktien, Unternehmensanleihen und Immobilien weiterhin unterstützt. Aktienanlagen bleiben grundsätzlich die attraktivste Anlageklasse.Generell ist in den kommenden Jahren aber eine differenzierte Betrachtung bei der Aktienanlage sinnvoll. Angesichts der absehbaren fundamentalen und rasanten Veränderungen im Zuge der Digitalisierung, des demografischen und des Klimawandels sowie des weiteren Aufstiegs Chinas zur wirtschaftlichen Nummer 1 besteht die Gefahr, dass Unternehmen die notwendigen Anpassungen von Prozessen oder Produktportfolien nicht rechtzeitig umsetzen. Demgegenüber gibt es andere, die die Zukunft aktiv mitgestalten, indem sie neue Entwicklungen vorantreiben und Maßstäbe setzen. Entsprechend breit dürfte auch die Kluft zwischen der Wertentwicklung verschiedener Aktien sein.