Nachhaltigkeitsrisiken: Was kommt auf Sie zu?

Ausgabe 1/2020Lesedauer: 4 Minuten

Können Sie nachprüfen, ob ein Unternehmen, in das Sie investiert haben, nachhaltig ist? Oder ob Sie Nachhaltigkeitsrisiken, die sich aus den Geschäftsfeldern ergeben, schon berücksichtigt haben?

Der voraussichtliche Trendbegriff 2019 „Nachhaltigkeit“ etabliert sich zunehmend auch in der Finanzbranche. Ein bevorzugtes Mittel von Vermögensverwaltern ist die Nutzung von Ausschlusskriterien und Filtern zu Environmental-, Social- und Governance-Themen (ESG), mittels derer aus einem Anlageuniversum „nachhaltige“ Titel selektiert werden. Dass das Thema an Bedeutung zunimmt, liegt zudem auch an Initiativen auf europäischer Ebene und zunehmender Regulatorik.

Die EU-Kommission legte im März 2018 einen wichtigen Grundstein, als sie den „Aktionsplan: Finanzierung nachhaltigen Wachstums“ veröffentlichte. Darin wurde die Notwendigkeit einer einheitlichen Taxonomie, also eines Klassifizierungssystems für nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten, hervorgehoben.

Achtzehn Monate später veröffentlichte die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, kurz Bafin, das „Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken“. Darin stellt sie dar, dass Institute bei der Bewertung ihrer Risiken auch explizit Nachhaltigkeitsrisiken berücksichtigen müssen. Die Bafin sieht das Merkblatt als Orientierungshilfe im Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken und als „Kompendium von Good-Practices“ an und somit als „eine sinnvolle Ergänzung der Mindestanforderungen an das Risikomanagement (…)“. Nachhaltigkeitsrisiken bezieht sie dabei sowohl auf die Geschäftsorganisation als auch auf die Geschäftsfelder der Marktakteure. Viele Vermögensverwalter, die sich bereits in der Vergangenheit mit dem Thema befassten, benutzen ESG-Ratings von verschiedenen Rating-Agenturen, um die Nachhaltigkeit und potenzielle Risiken von Finanzanlagen ihrer Geschäftsfelder zu ermitteln. Diese Vorgehensweise empfiehlt die Bafin auch in ihrem Merkblatt.

Nutzer von ESG-Ratings stehen jedoch noch vor verschiedenen Herausforderungen: So fällt zum Beispiel beim Vergleichen der Nachhaltigkeitsratings des kalifornischen Elektroautomobilherstellers Tesla auf, dass die Ergebnisse zweier führender ESG-Ratinganbieter unterschiedlich ausfallen. Liegt Tesla bei einem der ESG-Reports noch oberhalb der empfohlenen Nachhaltigkeitsschwelle, so würde es bei dem Konkurrenten aufgrund des schlechten Abschneidens aus einem Nachhaltigkeitsuniversum fallen.

Wie weit die Ergebnisse verschiedener ESG-Datenanbieter zu den gleichen Unternehmen auseinanderliegen, untersuchten Wissenschaftler des renommierten Massachusetts Institute of Technology. Sie fanden heraus, dass die Korrelation der Kreditratings der drei Agenturen Moody‘s, S&P und Fitch bei 0,99 lag, während sie bei den Ratings fünf verschiedener ESG-Ratingagenturen nur bei 0,61 – je nach verglichener Agentur zwischen 0,42 und 0,73 – rangierten (Aggregate Confusion: The Divergence of ESG Ratings, Massachusetts Institute of Technology – Sloan School of Management, 15. August 2019).

Die Frage, weshalb es bei der Messung der Nachhaltigkeit eines Unternehmens zu verschiedenen Ergebnissen kommen kann, beantwortet die Bafin in ihrem Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken im September 2019: „Für ESG-Ratings fehlen momentan noch einheitliche Begrifflichkeiten und allgemeine Standards.“

Dies kann allerdings zur Konsequenz haben, dass Vermögensverwalter bis zur Finalisierung einer Taxonomie bei der Titelauswahl das bessere Rating benutzen, um die Nachhaltigkeit des Titels zu dokumentieren und im Anlageuniversum behalten zu können, wie im oben aufgeführten Beispiel Teslas. Aufgrund dieser mangelnden Standards empfiehlt die Bafin im gleichen Merkblatt den Verwendern von ESG-Ratings, „diese im Hinblick auf die Bewertung von Nachhaltigkeit einer Finanzanlage nicht einfach zu übernehmen, sondern eine angemessene Plausibilitätsprüfung vorzunehmen (…)“.

Als Beispiel lässt sich hier die Plausibilitätsprüfung eines Solarpanelherstellers aufführen. Allein durch den Verkauf von Produkten, die zu einer nachhaltigen Energiewende führen, erzielt das Unternehmen in diesem Bereich eine sehr gute Nachhaltigkeitsnote bei den ESG-Datenanbietern. Sollte dieser Bereich jedoch sehr stark gewichtet sein, so würde das Gesamtergebnis auch dann noch positiv ausfallen, wenn das Unternehmen in anderen Nachhaltigkeitsaspekten sehr schlecht abschneiden würde. Sollten die untergewichteten Punkte jedoch ein substanzielles Risiko aus Nachhaltigkeitsperspektive für das Unternehmen darstellen, so würden diese von Vermögensverwaltern unberücksichtigt und der Titel würde weiterhin im Portfolio bleiben.

Aktuell empfehlen einzelne Wirtschaftsprüfer den Kapitalverwaltungsgesellschaften einen geringen Prozentsatz des Portfolios zu plausibilisieren. Nichtsdestotrotz ist es von großer Wichtigkeit, dass die ESG-Ratings für das gesamte Portfolio kritisch hinterfragt werden, um mögliche Nachhaltigkeitsrisiken rechtzeitig aufzudecken. Im Mai 2015 stufte ein führender ESG-Datenanbieter Volkswagen auf einen unteren Wert seiner Skala herab, da der Konzern eine schwache Governance-Struktur mit einer hohen Machtkonzentration auf den damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch aufwies. Bei einem anderen Datenanbieter blieb das Rating unberührt. Verblieb die Aktie im Portfolio, so mussten Vermögensverwalter wenige Monate später einen hohen Wertverlust der Aktie in Kauf nehmen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass ESG-Ratings eine gute Möglichkeit bieten, Nachhaltigkeitsrisiken für Geschäftsfelder zu analysieren. Da sich Nachhaltigkeitsrisiken gegebenenfalls erst auf langer Sicht materialisieren, ist es komplex, diese auf Geschäftsorganisationsebene zu integrieren. Bislang ist das Angebot von Dienstleistungen zur Erhebung von Nachhaltigkeitsrisiken noch überschaubar. Ein Pionier in diesem Feld ist das Frankfurter Unternehmen Right. Based on Science, welches den Beitrag eines Unternehmens zum Klimawandel berechnet und modelliert. Ergebnisse werden greifbar in einer Grad-Celsius-Zahl ausgedrückt. Hierfür werden neben der Mitarbeiterzahl und dem Vorsteuergewinn auch die Scope 1, 2 und 3-Emissionen in Betracht gezogen. Weitere Angebote zur Nachhaltigkeitsmessung werden sich im Laufe der Zeit etablieren und nachgefragt werden, sodass fundierte Aussagen darüber getroffen werden können, wie nachhaltig ein Unternehmen – auf Organisationsebene wie auch bei seinen Geschäftsfeldern – agiert.

ÜBER DIE AUTOREN
Dr. Sabine Spohn, Chief Operating Officer bei Agents for Impact, und Yannick Rust, Director SDG Scoring bei Agents for Impact. Agents for Impact ist ein auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes Beratungsunternehmen. Im Rahmen ihres Geschäftsbereiches „Rating“ plausibilisiert das Unternehmen für die HANSAINVEST Nachhaltigkeitsberichte und bewertet die Nachhaltigkeit von nicht-gelisteten, kleinen und mittelständischen Unternehmen auf Grundlage eines Tools, das sich an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen anlehnt. 

www.agentsforimpact.com