EU-Taxonomie: Anforderungen & Rahmenwerke für die grüne Transformation

Ausgabe 3/2019Lesedauer: 6 Minuten

Im Juni diesen Jahres veröffentlichte die von der Europäischen Kommission beauftragte Technische Expertengruppe (TEG) im Rahmen der EU-Sustainable-Finance-Initiative einen Bericht mit zentralen Empfehlungen für diejenigen wirtschaftlichen Aktivitäten, die einen Beitrag zum Kampf gegen den Klimawandel oder seine Auswirkungen leisten können. Anhand dieser Klassifizierung, die die im Regulierungsvorschlag zur Taxonomie genannten Zielbereiche detailliert ausarbeitet, soll ein gemeinsames Verständnis darüber erreicht werden, welche Art von investierbaren Geschäftstätigkeiten als grün oder nachhaltig angesehen werden können. Für Finanzmarktakteure stellt sie somit ein Instrument dar, mit dem der tatsächliche „grüne Kern“ eines Finanzprodukts offengelegt werden kann und welches Investoren Transparenz und Klarheit bezüglich ihrer Anlagen gibt.

Laut Regulierungsvorschlag soll anhand der Taxonomie dargestellt werden, ob und inwieweit ein entsprechend vermarktetes Finanzprodukt Wirtschaftsaktivitäten enthält, die taxonomiekonform sind (in Prozent, berechnet nach Umsatz). Darüber hinaus soll sie die Grundlage für einen freiwilligen EU Green Bond Standard und das EU-Umweltzeichen für Investmentfonds bilden.

Die EU-Taxonomie stuft Wirtschaftstätigkeiten dann als grün oder nachhaltig ein, wenn sie wesentlich zu einem von sechs definierten Umweltzielen beitragen, keinem der Zielbereiche signifikant schaden („do no significant harm“) und gleichzeitig die sozialen Mindeststandards einhalten. Die sechs Umweltziele sind:

  • Eindämmung des Klimawandels
  • Anpassung an den Klimawandel
  • Nachhaltige Nutzung und Schutz der Wasser- und Meeresressourcen 
  • Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft, Abfallvermeidung und Recycling
  • Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung
  • Schutz gesunder Ökosysteme

Der aktuelle Vorschlag der TEG konzentriert sich zunächst auf solche Aktivitäten, die wesentlich zu zwei der oben genannten Ziele beitragen, nämlich die Eindämmung des Klimawandels und die Anpassung an den Klimawandel. Die Methodik umfasst spezifische Screening-Kriterien für jede potenziell investierbare Wirtschaftstätigkeit sowie branchenspezifische Kriterien für deren „do no significant harm“-Bewertung.

Im Bericht werden zudem mehrere Anwendungsbeispiele der Taxonomie genannt, wie zum Beispiel die Erhebung von beziehungsweise die Berichterstattung zu taxonomiekonformen nachhaltigen Investmentfonds, die Auswahl von Beteiligungen, die Gestaltung von Anlageprodukten oder die Äußerung von Anlagepräferenzen. Da die Taxonomie auch Übergangsaktivitäten umfasst, kann sie außerdem als Basis für ein Engagement mit Beteiligungsgesellschaften dienen. Auf diese Weise kann den Unternehmen eine Vorstellung darüber vermittelt werden, wohin diese sich entwickeln sollten und wie der Dialog mit Investoren hierbei helfen kann.

Der TEG-Taxonomiebericht definiert die technischen Kriterien der Taxonomie-Regulierung. Deren endgültige Verabschiedung steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung der beiden anderen Gesetzgebungsorgane der Europäischen Union, nämlich des Rates der Europäischen Union, der die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten vertritt, und des Europäischen Parlaments, wobei die Verhandlungen zum Erzielen einer Einigung für Herbst 2019 vorgesehen sind. Während das Europäische Parlament seinen Bericht zur Taxonomie bereits veröffentlicht hat, verhandelt der Rat derzeit noch über seine Position. Der Bericht des Europäischen Parlaments enthält einige moderate Ergänzungen zum Kommissionsvorschlag, wie beispielsweise die Erweiterung der sozialen Mindeststandards um umfassendere Menschenrechtsbestimmungen über die derzeitigen Arbeitsrechte hinaus. Angesichts der laufenden Verhandlungen können sich bestimmte Aspekte der Taxonomie noch ändern. Wie Olivier Guersent, Generaldirektor des Direktorats für Finanzstabilität, Finanzdienstleistungen und Kapitalmärkte der Europäischen Kommission, diesbezüglich erklärte, sollten Marktteilnehmer jedoch nicht auf formelle politische Maßnahmen und die formelle Verabschiedung von Legislativvorschlägen warten, sondern bereits jetzt mit der Verwendung der auf dem TEG-Bericht basierenden Taxonomie beginnen.

Investoren müssen sich auf neue Anforderungen vorbereiten
Die Regulierungspläne der EU und Berichterstattungsstandards wie das Sustainability Accounting Standards Board (SASB) oder die Global Reporting Initiative (GRI) betreffen Investoren in mehrfacher Hinsicht. Es ist zu erwarten, dass im Zuge der aktuellen Initiativen neue und zunehmend standardisierte Unternehmensdaten verfügbar sein werden. Mit diesen erhalten Investoren einen aussagekräftigeren Input für die Ausrichtung ihrer nachhaltigen Anlagestrategien. Gleichzeitig steigen Transparenz- und Offenlegungsanforderungen an Investoren in Bezug auf ihre Anlagen und ihren Anlageentscheidungsprozess.

In welchem Ausmaß die Investoren von den neuen EU-Vorschriften betroffen sein werden, hängt von der Art und dem Umfang ihrer ESG-Anlagestrategien ab. Es zeigt sich jedoch, dass im Rahmen des Aktionsplans der Europäischen Kommission zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums die Anforderungen an nachhaltige Investitionen steigen werden. Laut den anstehenden Änderungen der Finanzmarktrichtlinie MiFID II und der Versicherungsvertriebsrichtlinie IDD sollen Anlageberater Nachhaltigkeitsaspekte in die Beratung einfließen lassen. Eine weitere aktuelle Verordnung über die Offenlegung von Nachhaltigkeitsrisiken im Investmentprozess verpflichtet sie, ESG-Risiken bei ihren Anlagen zu berücksichtigen. Darüber hinaus entwickelt das EU Joint Research Centre das freiwillige EU-Umweltzeichen für Finanzprodukte, das soziale und ökologische Mindeststandards für nachhaltige Finanzprodukte definiert.

Angesichts der vielen anstehenden regulatorischen Änderungen und der damit verbundenen Verpflichtungen wird es für Investoren immer wichtiger, sich mit den neuen Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen, um auf die damit verbundenen Anforderungen vorbereitet zu sein. Aussagekräftige und detaillierte ESG-Informationen, Daten, Ratings und Instrumente bilden wichtige Grundlagen und Lösungen zur Bewältigung dieser neuen Herausforderungen.

Die Methodik des Corporate Ratings
Die vorgeschlagene EU-Taxonomie und die Methodik von ISS ESG stimmen in Bezug darauf, wie eine bestimmte wirtschaftliche Aktivität hinsichtlich ihres Beitrags zu einer nachhaltigen Entwicklung bewertet werden soll, in weiten Teilen überein.

Beide Rahmenwerke berücksichtigen nicht nur die allgemeine Natur der Auswirkungen einer Aktivität, sondern auch die mit dieser Aktivität verbundenen ESG-Risiken und zwar ganzheitlich entlang der jeweiligen Wertschöpfungskette. Die EU-Taxonomie und die Methodik des ISS ESG Corporate Ratings sind in hohem Grade branchenspezifisch. Die ISS-ESG-Methodik bietet eine tief greifende und detaillierte Überprüfung der Leistungsanforderungen des Unternehmens nach individuellen branchen- und tätigkeitsbezogenen Kriterien. Darüber hinaus hat ISS ESG die Methodik der Nachhaltigkeitsbewertung weiterentwickelt, um Produkte und Dienstleistungen von Unternehmen auf Grundlage der SDGs der UN zu bewerten, zu identifizieren, zu klassifizieren und detaillierte Ertragsdaten für relevante Aktivitäten im Sinne der EU-Taxonomie bereitzustellen.

Diese Maßnahmen werden ergänzt durch ein umfangreiches Kontroversen-Research, welches die Positivkriterien des ESG-Ratings mit einer Überprüfung in Bezug auf „do no significant harm“ und möglichen Verstößen hinsichtlich der sozialen Mindeststandards vervollständigt. Die oben stehende Tabelle zeigt die Übereinstimmung zwischen der EU-Taxonomie und der Ratingmethodik von ISS ESG.

Die Bewertung der technischen Screening-Kriterien auf der Ebene der Geschäftstätigkeit ist aufgrund des derzeitigen Mangels an Daten seitens der Emittenten noch schwierig. Im Rahmen der aktualisierten Leitlinien der Kommission für die nichtfinanzielle Berichterstattung werden EU-Unternehmen angeregt, Einnahmen aus taxonomiekonformen Tätigkeiten zu berichten. Investoren haben daher ein Interesse daran, Emittenten innerhalb und außerhalb der EU zu ermutigen, ihre Berichterstattung diesbezüglich weiterzuentwickeln.


ÜBER DIE AUTORIN
Lydia Sander ist Sustainable Finance Regulatory Affairs Director bei ISS ESG, dem weltweit führenden Anbieter von Lösungen für Corporate Governance und Nachhaltiges Investment. ISS ESG verfügt über 30 Jahre Erfahrung bei der Entwicklung von Lösungen zusammen mit institutionellen Investoren. Als One-Stop-Shop zählen Proxy Voting, Governance Research, ESG Ratings, Climate Research oder Securities Class Action zum Dienstleistungsangebot. Insgesamt betreut  das globale Unternehmen in 13 Ländern mit 19 Büros und mehr als 1.800 Mitarbeitern rund 2.000 Kunden. (www.iss-esg.com)

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