Politik und Anleger: Nachhaltigkeit rückt weiter in den Fokus

Ausgabe 3/2019Lesedauer: 4 Minuten

Das Jahr 2015 ist immer wieder in den Schlagzeilen. Viele verknüpfen den VW-Abgasskandal mit diesem Jahr. Doch 2015 brachte weit mehr hervor als das Auffliegen der Schummel-Software. Papst Franziskus hat die Enzyklika zum Themenkomplex „Umwelt und Entwicklung“ veröffentlicht. Sie trägt den Titel „Laudato si‘– Über die Sorge für das gemeinsame Haus“. Darin wird die Umwelt- und Klimathematik als größte Herausforderung der Menschheit beschrieben. Auch unter diesem Eindruck hat die Klimakonferenz von Paris das Pariser Abkommen verabschiedet, das zum Ziel hat, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen.

Will die EU ihre Klima- und Energieziele bis 2030 erreichen, müssen pro Jahr zusätzlich 180 Milliarden Euro aufgebracht werden. Um mehr Kapital in nachhaltige Investitionen zu lenken, hat die EU-Kommission deshalb im Frühjahr 2018 den Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums veröffentlicht und verschiedene Legislativmaßnahmen auf den Weg gebracht. Zu ihnen gehören unter anderem die beiden Maßnahmenpakete:

1. Taxonomie zur Erleichterung nachhaltiger Investitionen
2. Integration von Nachhaltigkeit in die Anlageberatung

Der Finanzindustrie wird damit eine Schlüsselrolle im Kampf um das 1,5-Grad-Celsius-Ziel und zur Erreichung einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft zugewiesen.

Doch welche Bedeutung kommt den Maßnahmenpaketen zu? Mithilfe der Taxonomie soll bestimmt werden können, was Nachhaltigkeit im Wirtschaftskontext konkret bedeutet. Aus Sicht des Forums Nachhaltige Geldanlagen e.V., kurz FNG, stellt die Taxonomie in ihrer derzeit entwickelten Form allerdings keine umfassende Definition nachhaltiger Geldanlagen dar, da sie vorerst maßgeblich auf ökologische Ziele und hier speziell auf den Klimawandel referenziert. Damit finden wichtige Bereiche nachhaltiger Geldanlagen, die sozialen und auf eine verantwortungsvolle Unternehmensführung bezogene Aspekte, bislang kaum Berücksichtigung. Auf den Ausbau der Nachfrage von Privatinvestoren zielt die Integration in die Anlageberatung ab. Das Vorhaben des EU-Aktionsplanes, eine verpflichtende Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenz von Kunden in die Anlageberatung zu implementieren, wird perspektivisch zu einer Belebung der Absätze und Innovationen bei Nachhaltigkeitsprodukten im Privatkundenbereich führen. 

Damit verspricht sich die Politik im Wesentlichen die Erreichung von drei Zielen:

a) Kapitalflüsse in nachhaltige Investitionen zu lenken,
b) Nachhaltigkeit in das Risikomanagement einzubetten,
c) Transparenz und Langfristigkeit bei der Geldanlage zu fördern.

Markt nachhaltiger Geldanlagen 
Doch schon jetzt erreichen nachhaltige Geldanlagen im DACH-Raum neue Höchststände. 2018 waren knapp 2,9 Billionen Euro im deutschsprachigen Raum verantwortlich investiert und erreichten damit ein neues Rekordniveau. Das Gesamtvolumen entspricht damit dem gemeinsamen Bruttoinlandsprodukt von Italien und Spanien. Von den 2,9 Billionen Euro entfielen knapp jeder sechste Euro beziehungsweise Schweizer Franken auf nachhaltige Geldanlagen, welche sich 2018 auf eine Summe von 474 Milliarden Euro beliefen und somit um knapp 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr wuchsen.

Mit 219,1 Milliarden Euro wurden 46 Prozent dieser Investments in Deutschland getätigt, auf die Schweiz entfielen 233 Milliarden Euro, auf Österreich 21,8 Milliarden Euro.

Maßgebliche Treiber in Deutschland und Österreich sind die institutionellen Investoren. In Deutschland befanden sich Ende 2018 rund 93 % der nachhaltigen Kapitalanlagen in deren Hand. Es sind vor allem kirchliche Institutionen (40 %), mit einigem Abstand gefolgt von Versicherungsunternehmen (17 %, öffentlichen Pensions- und Reservefonds (12 %) und Stiftungen (10 %), die ihre Geldanlagen nach nachhaltigen Kriterien ausrichten. Doch auch die privaten Investoren treten mittlerweile wieder verstärkt als Nachfrager am Anlagemarkt auf und tragen zur Dynamik der nachhaltigen Geldanlagen bei.

Ein anderes Bild ergibt sich in der Schweiz. Ein Drittel der nachhaltigen Fonds und Mandate wird hier von den Privatanlegern gehalten. Mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 55 % wächst deren Anteil schneller als in den deutschsprachigen Nachbarländern und nähert sich der durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate der institutionellen Investoren von 64 -% an.

Wenn man sich jedoch den Anteil nachhaltiger Fonds und Mandate am jeweiligen nationalen Gesamtinvestmentfondsmarkt anschaut, so liegt der Anteil in Deutschland bei 4,5 %, während er in Österreich (12,8 %) und in der Schweiz (18,3 %) bereits im zweistelligen Bereich liegt.

Qualitätssicherung und Transparenz

Mit dem steigenden Angebot an nachhaltigen Anlagemöglichkeiten und der verstärkten Nachfrage der Investoren nach solchen Anlageprodukten steigt auch die Anforderung an die Qualität. Anleger müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Anlagen nachhaltigen Qualitätsstandards entsprechen und transparent agieren. Aus diesem Grund hat das FNG zusammen mit dem europäischen Dachverband Eurosif den Transparenzkodex entwickelt. Darin zeigt der Anbieter nachhaltiger Anlageprodukte auf, wie er Nachhaltigkeit definiert und in seinem Portfolio umsetzt.

Seit 2015 vergibt das FNG das FNG-Siegel, das einen Mindeststandard für nachhaltige Geldanlagen definiert und die Qualität der Prozesse rund um die Integration von Nachhaltigkeit in den Anlageprozessen bewertet. Ausgeschlossen sind beispielsweise Investitionen in Kernkraft, Streumunition oder ausbeuterische Kinderarbeit. Das FNG-Siegel wurde als das deutsche SRI-Label von der EU in die Arbeitsgruppe zur Erweiterung des EU-Ecolabels auf Finanzprodukte aufgenommen.


ÜBER DEN AUTOR
Volker Weber, ist Vorstandsvorsitzender des FNG - Forum Nachhaltige Geldanlagen e.V. Der Fachverband für Nachhaltige Geldanlagen in Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz, repräsentiert über 190 Mitglieder, die sich für mehr Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft einsetzen. Das FNG fördert den Dialog und Informationsaustausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik und setzt sich seit 2001 für verbesserte rechtliche und politische Rahmenbedingungen für nachhaltige Investments ein. 

Mehr Informationen unter: www.forum-ng.org